kürzere Wörter!

Ich kann Ihnen mit einem Blick auf einen Text sagen, ob er einfach oder schwer zu lesen ist. Und Sie können es auch! Nehmen wir die beiden folgenden Absätze. Es handelt sich um denselben Inhalt, nur mit anderen Worten. Welchen Text finden Sie besser?
Text 1:
„Niemand kann zwei hierarchisch übergeordneten Personen Dienste leisten; denn entweder wird er der einen gegenüber Abneigung empfinden und der anderen gegenüber Zuneigung, oder er wird eine innige Beziehung pflegen zu der einen und der anderen Verachtung entgegenbringen. Ihr könnt nicht der Gottheit eure Dienste zur Verfügung stellen und dem Kapital.“
Text 2:
„Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld.“
Warum haben Sie sich für den zweiten Text entschieden? Weil er kürzere Wörter enthält und damit leichter lesbar ist! Ein wichtiger Indikator für die Lesbarkeit eines Textes ist also die Länge oder besser: Kürze der Wörter. Daher können Sie mit einem Blick auf einen fremden Text feststellen, ob er einfach oder schwer zu lesen ist. Sie müssen nur darauf achten, wie lang die Wörter sind. Vergleichen wir Wort für Wort:
Text 1 Text 2
hierarchisch übergeordnete Person Herr
Dienste leisten dienen
Abneigung empfinden hassen
Zuneigung empfinden lieben
eine innige Beziehung pflegen anhängen
Verachtung entgegenbringen verachten
Gottheit Gott
Dienste zur Verfügung stellen dienen
Kapital Geld
In Text 2 haben wir zwei Wörter mit drei Silben, ansonsten nur Wörter mit ein oder zwei Silben. In Text 1 sind diese Wörter aufgeblasen, und zwar in zweifacher Hinsicht:
1) Ein kurzer Begriff wird durch einen längeren Begriff ersetzt, z.B. „Geld“ durch „Kapital“.
2) Ein „reinrassiges“ Verb wird durch ein entsprechendes Substantiv und ein Verb ersetzt, das nicht alleine stehen kann, z.B. „lieben“, durch „Zuneigung empfinden“.
Verwenden Sie möglichst nur reinrassige Verben und nicht solche Verben wie „empfinden“, „sorgen für“, bewirken“, bewerkstelligen“. Letzere können nie alleine stehen, sondern benötigen ein Substantiv, das eigentlich ein verkapptes Verb ist, wie z.B. „Reinigung“, „Verbesserung“, „Liebe“. Schreiben Sie also „verbessern“ statt „eine Verbesserung bewirken“ und „reinigen“ statt „für die Reinigung sorgen“.

Ich gebe zu: Ich habe Text 1 überzeichnet. Doch achten Sie einmal darauf, wie schnell sich solche Wortungetüme einschleichen! Warum?

Es gibt dafür drei Gründe: Erstens kostet es Mühe, nach dem passenden einfachen Wort zu suchen. Zweitens hören sich diese Wörter bzw. Wortgruppen wichtiger an! Man meint, damit das Gesagte aufzuwerten. Denn es hört sich so wissenschaftlicher und gehobener an. „Geld“ klingt zu einfach, wie wäre es mit „Kapitalbestand“?. Drittens legt man sich mit diesen Wörtern nicht so fest, da sie oft schwächer sind als das entsprechende kurze Wort: „Abneigung empfinden“ oder „Hass empfinden“ ist nicht so deutlich wie „hassen“.

Kurze Wörter haben hingegen zwei Vorteile:
1) Sie sind in der Regel konkreter und damit leichter vom Leser aufzunehmen : Er hat mehr Angst vor einem „Herrscher“ als vor einer „hierarchisch hoch angesiedelten Person“.
2) Sie besitzen mehr Kraft: Ein „Problem“ ist schlimmer als eine „Problematik“, eine „Frage“ wichtiger als eine „Fragestellung“, ein „Ziel“ bedeutender als eine „Zielsetzung“.
Sie möchten einfach und klar schreiben? Verwenden Sie kurze Wörter und reinrassige Verben! Um es mit Schopenhauer zu sagen: „Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“