Auch für Siebenjährige?

Dass Sie selbst verstehen, was Sie schreiben, ist die erste Voraussetzung dafür, dass der Leser Sie versteht – aber nicht die einzige. Ein schönes Beispiel dafür ist eine kurze Szene aus dem Film „Auf der Flucht“ mit Harrison Ford in der Titelrolle, in der sich ein Polizist mit seinem Vorgesetzten unterhält, einem US-Marshal (Tommy Lee Jones)
Polizist: „Bizarr, Kimble hat einen Universitätsabschluss, war auf der medizinischen Fakultät. Er wird doch nicht ins Bezirksgefängnis reinspazieren, um jemanden zu finden, von dem seine eigene Familie sagt, dass er gar nicht existiert. Äußerst bizarr!“
Marshal: „Was bedeutet ‚bizarr’ eigentlich?“
Polizist: „Sonderbar, verdreht.“
Marshal: „Warum sagst Du dann nicht ‚sonderbar’ oder „verdreht’? ‚Bizarr’ versteht kein Mensch!“
Polizist: „Ich versteh’ das schon!“
Marshal: „Benutze in meiner Gegenwart keine Wörter, die niemand versteht. ...“
„Ich versteh’ das schon“, sagt der Polizist, und meint, das reiche aus. Es reicht nicht aus. Es muss für einen Siebenjährigen verständlich sein. Dann können Sie sicher sein, dass Ihr Leser Sie versteht.

„Wir sind alle Siebenjährige“ – so lautet ein lesenswertes Kapital des Buches „Die Kunst überzeugend zu reden“ des Stockholmer Rhetorikprofessors Göran Hägg . Lassen wir Hägg selbst erklären, was er damit meint:
„Der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels formulierte zu seiner Zeit ein anderes wichtiges rhetorisches Prinzip: Um erfolgreich zu sein und eine Chance zu haben durchzudringen, müsse sich die Propaganda an den am wenigsten intelligenten und informierten in der Versammlung wenden. Wenn man den erreichen könne, dann werde man auch alle anderen gewinnen. …
Klingt das zynisch?
Das ist es auch. Doch sicherlich haben nicht nur Goebbels und die Nazis ihre Propaganda dieser Regel angepasst. „Im amerikanischen Werbejargon spricht man von »the seven year old mind«, dem Verstand des Siebenjährigen, an dem sich jede erfolgreiche Werbebotschaft orientieren muss, um den nötigen Effekt zu haben. Der schwedische Musikverleger Stickan Andersson, der Gründer von ABBA, drückte den Sachverhalt noch brutaler aus: »Die Leute sind nicht so dumm wie man denkt. Sie sind noch dümmer.«
Jeder, der etwas Wichtiges zu sagen hat, muss auf dieses erste Gesetz der Massenkommunikation Rücksicht nehmen. … Was Sie auch immer glauben mögen, es versteht nicht einmal ein Publikum aus Professoren mehr als einen kleinen Teil von dem, was Sie sagen. Es ist fast unmöglich, das Auffassungsvermögen von Menschen zu unterschätzen.“
Dieses „erste Gesetz der Massenkommunikation“ ist unbequem und stößt nicht bei allen meinen Seminarteilnehmern auf Begeisterung. Vor allem zwei Einwände werden häufiger geäußert, auf die ich hier kurz eingehe:
1) „Mein Vorstandsvorsitzender soll ein Siebenjähriger sein?“ In der Tat, er ist ein Siebenjähriger – sobald er das kleine Gebiet verlässt, in dem er der Experte ist. Und selbst da könnten Sie ihn überraschen, wenn Sie sich nur gut vorbereiten. Hägg gibt seinem Kapitel zu Recht die Überschrift „Wir sind alle Siebenjährige“ – Wir! Das gilt also für jeden, und wir selbst wissen das am besten. Schon wenn Ihnen ein Kollege aus einer anderen Abteilung etwas erklärt, werden Sie feststellen, dass Sie ein Siebenjähriger sind, und werden es zu schätzen wissen, wenn Ihr Kollege darauf Rücksicht nimmt. Der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur des „Stern“, Henri Nannen, hatte es sich und seinen Redakteuren zum Programm gemacht, für „Lieschen Müller“ zu schreiben. Als er vom damaligen „Zeit“-Chefredakteur Richard Tüngel das Kompliment bekam "Mit großer Intelligenz jede Woche für Lieschen Müller ein Blatt zu machen, das können nur wenige", soll er gesagt haben: "Aber Herr Tüngel, das ist doch ganz einfach: Ich bin Lieschen Müller." – Ich wünsche Ihnen und mir diese Demut beim Schreiben!
2) „Fühlt sich mein Leser nicht auf den Arm genommen, wenn ich ihn wie einen Siebenjährigen behandle?“ Nein, im Gegenteil: Die Leserliebe® setzt nichts oder nur sehr wenig voraus. Das wird Ihr Leser bewusst oder unbewusst als ein Zeichen der Wertschätzung ansehen, denn es kostet Mühe. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Sie Ihren Leser herablassend oder belehrend behandeln sollten. Aber das würde sich ein Siebenjähriger auch nicht gefallen lassen!
Ich hoffe, Hägg Göran und ich haben Sie überzeugt – jetzt geht es an die Umsetzung! Hier drei Tipps für Sie:
1) Fragen Sie sich vor dem Schreiben: „Wie würde ich es für einen Siebenjährigen / Fachfremden formulieren?“
2) Stellen Sie sich diese Frage einmal pro Seite!
3) Geben Sie den fertigen Text einem Siebenjährigen / Fachfremden zur Korrektur!
Abschließend ein Beispiel für die effektive Anwendung dieses Prinzips: Der schriftstellerische Erfolg des britischen Physikers Stephen Hawking beruht darauf, dass er auf einfache und anschauliche Weise komplexe Phänomene der Physik erklärt. Sein Rezept verriet er im Vorwort der ersten Auflage des Buches „Eine kurze Geschichte der Zeit“:
„Jemand sagte mir, dass jede mathematische Formel in meinem Buch dessen Verkaufszahl halbieren würde.“