konkret

An der Universität lernen wir zu abstrahieren – und verlernen konkret zu schreiben. Die Folge: Unser Leser langweilt sich.

Warum der Leser vom Konkreten fasziniert ist und warum der Schreiber lieber abstrakt formuliert, erklären anschaulich Schneider / Raue :

„Dass auf einer Bergwiese Blumen blühen, ist eine überaus abstrakte Ausdrucksweise: Blumen – was für ein kühner Oberbegriff für so verschiedene Pflanzen wie Enzian, Nelkenwurz und Feuerlilie! Die Fülle der Erscheinungen in Oberbegriffe zu bündeln, war und ist eine der großen Leistungen des menschlichen Verstandes, ein zwingender Lernstoff für Kinder, ein Lebenselixier der Wissenschaft.
Doch auf ebendiese Leistung sollte jeder ausdrücklich verzichten, der anschaulich und lebendig schreiben will; von der Bergwiese sollte er sagen, dass auf ihr Akelei und Berghähnlein blühen, Knabenkraut, Teufelskralle und Vergissmeinnicht. Eine Minderheit aller Leser wird einen fröhlichen Strauß von Vorstellungen damit verbinden, die Mehrheit sich immer noch an den prallen Namen freuen und eine buntere Wiese vor sich sehen, als wäre da nur von »Bergblumen« die Rede gewesen.
Leser freuen sich über alles, was auf ihre Sinne wirkt; Schreiber haben da oft eine von drei Hemmungen. Viele Schreiber verlangen den abstrakten Oberbegriff, weil sie Verwaltungsbeamte oder Wissenschaftler sind (»Großvieheinheit« für Rinder und Pferde; »Niederschläge« für Regen und Schnee). Andere trösten sich mit dem Oberbegriff und mogeln mit ihm, weil sie für das Vielerlei der Bergblumen keine Namen kennen, vielleicht sogar die Teufelskralle eher in der Hölle als auf einer Wiese vermuten.
Wieder andere flüchten sich in den Oberbegriff, weil die konkrete Einzelheit ihnen peinlich wäre.“
Schneider / Raue nennen drei Hemmungen, konkret zu schreiben. Ich füge eine vierte hinzu: Konkret schreiben kostet Mühe. Sie wissen ja: „Entweder müht sich der Schreiber, oder es müht sich der Leser.“
„So interessant reden und schreiben wie im Flurgespräch“: Dieses Ziel formulierte ein Teilnehmer zu Beginn eines Seminars. Wissen Sie, was das Flurgespräch – auch „Flurfunk“ oder „Buschfunk“ genannt – auszeichnet? Es ist konkret: Die lieben Kollegen tauschen nicht etwa Studien, Statistiken oder Gesetzestexte aus, sondern Geschichten – Geschichten über andere liebe Kollegen, Kunden und Vorgesetzte.
Das ist Ihr Schlüssel zum Herzen des Lesers: Erzählen Sie Geschichten. Geschichten handeln von Menschen. Bringen Sie Beispiele! Beispiele lockern auf und veranschaulichen Ihre Thesen. Am interessantesten aber sind Menschen. Darauf gehen wir daher als erstes ein.